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Die Geschichte der Station

 

Bis zum Inkrafttreten des Reichsjagdgesetzes im Jahre 1935 war der Seehund Freiwild. Das in der Weimarer Republik entwickelte Reichsjagdgesetz führt ihn in § 2 Abs. 2 als jagdbares Tier auf, allerdings nicht als Seehund, sondern als Bestandteil des Sammelbegriffes „Robben".

Zur Familie der Robben gehören die Ringelrobbe (Phoca annellata), die Kegelrobbe (Halichoerus grypus) und der Seehund (Phoca vitulina). Es konnten also alle drei Arten bejagt werden, jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen und nur unter Führung eines berufsmäßigen Seehundjägers.

Bei der Jagdausübung waren der Schrotschuß (auch als Fangschuß), die Hetzjagd und das Fangen mit Netzen verboten.

Der § 2 Abs. 2 des Bundesjagdgesetztes weist nur noch den Seehund als jagdbare Tierart aus.

In der Nachkriegszeit ruhte jegliche Bejagung des Seehundes. Erst mit der Wiedererlangung der Jagdhoheit und der Schaffung des Bundesjagdgesetzes.

1952 traten geordnete Verhältnisse ein. Die Jagd konnte von da ab auch wiederum nur mit bestätigten Jagdführern ausgeübt werden.

Die Erkenntnis, daß die bisherige Seehundzählung vom Fischkutter aus hohe Fehlerquoten enthalten mußte, zwang dazu, eine Kontrollzählung vom Flugzeug durchzuführen. Dadurch wurden die Zählergebnisse wesentlich verbessert.

Dr. Ehlers von den Tiergrotten in Bremerhaven und Frau Reineck vom Senckenberg- Institut in Wilhelmshaven nahmen sich des „Heulerproblems" an. Diese Stationen waren bemüht, die gefundenen Jungtiere aufzuziehen. Zahlenmaterial ist leider nicht bekannt.

Darüber hinaus gaben beide Aufzuchteinrichtungen die aufgezogenen Jungtiere an Tierhandlungen, Tiergärten oder zoologische Gärten ab. Immerhin sind durch beide Aufzuchtstationen erste Erkenntnisse über die Heuleraufzucht bekannt geworden.

In den sechziger Jahren kam es wegen verschiedener, den Seehunden abträglicher Umstände, auch wegen seismographischer Sprengungen im Wattenbereich auf der Suche nach Erdöl und Erdgas, vermehrten Bootsfahrten zu den Seehundbänken, zu einem dramatischen Rückgang der Bestandszahlen.

Als Ende der sechziger Jahre der Streit zwischen einigen Naturfreunden und der Jägerschaft um die Seehundjagd eskalierte, reifte in zwei Jägern (Schumann und Manninga) der Plan, in Norden eine Aufzuchtstation für sogenannte Heuler einzurichten. Denn eines hatte der Streit deutlich gezeigt: die vorgebrachten Argumente und Beschuldigungen waren durch nichts zu beweisen. Es wurde allen Verantwortlichen auch klar, daß dringend etwas für die Erforschung der Seehunde getan werden mußte, um entscheiden zu können, wie es mit der Seehundjagd weitergehen sollte. Darum vergab das niedersächsische Landwirtschaftsministerium 1971 einen Forschungsauftrag an den Münchener Professor Dr. Kraft.

Unabhängig davon liefen die Planungen, Verhandlungen und Informationen durch die zwei Jäger weiter. Aufgezogene Junghunde, die an die Tiergrotten abgegeben worden waren, kamen nicht mehr in die freie Wildbahn zurück. Wenn also der Seehund in seinem Bestand bedroht war, so mußten nach Meinung der Norder Jäger die aufgezogenen Junghunde auch wieder ausgesetzt werden.

Das Konzept lautete daher:

- die Aufzucht der aufgefundenen mutterlosen Junghunde ist eine Hegemaßnahme zur Bestandstützung;
-
mit den aufgezogenen und ausgewilderten Seehunden mußte Forschung betrieben werden, denn diese war angesichts der mangelnden Kenntnis über die Biologie der Seehunde sehr wichtig;
-
Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Die Pläne und Vorstellungen der beiden Jäger Schumann und Manninga legte der Vorsitzende der Jägerschaft Norden, Adolf Heberling, der Landesjägerschaft vor und – was niemand geglaubt hatte – wurde wahr. Das Präsidium gab grünes Licht in Form eines bewilligten Geldbetrages für den Bau der Aufzuchtstation.

In
Norden am Schwanenteich konnte von der Stadt ein Gelände gepachtet werden. Mit den bewilligten Mitteln in Höhe von DM 3000,00, der Hilfe Freiwilliger (alles Jäger) sowie mit Materialspenden konnte die Station aufgebaut werden.

Am 25. Juni 1971 holten die Jäger ihren ersten Pflegling aus Greetsiel, ein Fischkutter  hatte ihn mitgebracht. „Jan“überlebte und konnte mit zwei weiteren Pfleglingen am 3. Oktober 1971 im Evermannsgat bei Memmert ausgewildert werden.


Es waren die ersten Seehunde, die in das niedersächsische Wattenmeer zurückgebracht worden sind!

Die ersten Jahre am Schwanenteich waren sehr schwer, denn es gab weder Strom noch Wasser-anschluß noch ein Telefon. Auch  fehlte  die Erfahrung  in  der  Aufzucht  von  Seehunden und in der tiermedizinischen Betreuung. Wenn heute in Norddeich ein 2,5- Millionen-Mark-Projekt steht, so ist es in erster Linie jenen ehrenamtlichen Mitarbeitern zu danken, die damals nicht aufgaben, sondern alle Schwierigkeiten meisterten!

Die Situation verbesserte sich, als man 1973 ein festes Gebäude  in Eigenleistung errichten konnte und Strom, Wasseranschluss und Telefon zur Verfügung standen.

Ab 1977 wurde Günter Kettler von der Stadt Norden in den Sommermonaten für die Arbeit in der Station freigestellt.

Weitere Aufgaben wurden der Station übertragen:
- Aufzucht und Pflege von mutterlosen und kranken Seehunden und anderen Meeressäugern
- Seehundzählungen

- Sektionen
- Schutz und Überwachung  der Seehundbestände
- Dokumentationen
- Markierungen
- Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Stationen
- Forschung

Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, war es notwendig, die Station zu erweitern. Verhandlungen mit der Stadt Norden ergaben keine Bereitschaft zur Geländeerweiterung am Schwanenteich; sie schlug statt dessen einen Neubau in Norddeich vor.

Um den Neubeginn in Norddeich zu verwirklichen und um alle Interessen unter einen Hut zu bringen, wurde am 1. Juli 1978 in Norddeich der „Verein zur Erforschung und Erhaltung des Seehundes e. V.“ gegründet. Im selben Jahr wurde mit dem Bau der neuen Station in Norddeich begonnen. Grundsteinlegung war am 17. November 1978. Am 6. Juni 1980 wurde die neue Station eingeweiht und in Betrieb genommen.

Um der anfallenden Arbeit gerecht werden zu können, wurde am 15. April 1986 Fritz Rabenstein als Tierpfleger eingestellt, der bis heute maßgeblich für die eigentliche Aufzucht und Betreuung der Tiere verantwortlich zeichnet.

Das große Seehundsterben 1988 stellte für die Station eine große Bewährungsprobe dar: 68 schwerkranke Seehunde wurden eingeliefert, 1123 tote Seehunde mußten entsorgt werden.

Das Seehundsterben löste aber auch eine Welle der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung aus. Zahlreiche Spenden wurden der Station übergeben, die diese sinnvoll in den Ausbau der Forschungseinrichtungen, Beckenanlagen und so weiter investierte. Der zweite Bauabschnitt umfaßte den Forschungstrakt, das Auswilderungs- und ein Quarantänebecken, die Wandelhalle und den Medienraum. 1989 konnte die Fertigstellung gefeiert werden.

Ursprünglich sollte die Station zu einem Forschungsinstitut für Meeressäuger ausgebaut werden, eine entsprechende Absichtserklärung des Landes Niedersachsen lag vor. In dieser Sache führte der Vorstand unzählige Gespräche, geblieben ist die Einrichtung eines „Nationalpark-Zentrums".

Der dritte Bauabschnitt umfaßte einen Seminarraum, Büroräume und eine Ausstellungshalle nebst Versorgungseinrichtungen. Am 10. Juli 1992 eröffnete die niedersächsische Umweltministerin, Monika Griefahn, das Nationalpark-Zentrum. Und es wurde weitergebaut! 1994 erhielt die Station nach jahrelangem Bemühen auch die Anerkennung als Vogelpflegestation. Nach Bereitstellung der Mittel im Jahre 1995 begann der Ausbau der Station, die 1996 fertiggestellt wurde.

Am 11. Mai 1996 feierte die Seehundaufzucht- und Forschungsstation Norden-Norddeich ihr 25jähriges Bestehen. Die Schirmherrschaft über die Festveranstaltung hatte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke.

Er wies ausdrücklich darauf hin, daß verschlechterte Umweltbedingungen die Seehundbestände in den 60er Jahren hätten sinken lassen, keinesfalls die Bejagung. Dennoch habe man ab 1972 die Seehundjagd ganz eingestellt. Seehundschutz sei eine verantwortungsvolle Aufgabe von internationaler Bedeutung, die nur gemeinsam von Jägern, anderen Naturschützern und Nutzern des Wattenmeeres  gelöst werden könne.

Der die Landesjägerschaft vertretende Vizepräsident, Prof. Dr. Klaus Pohlmeyer, betonte in seiner Ansprache, daß jeder junge Seehund, der in der Station betreut werde, als ein Akt des individuellen Tierschutzes stehe und die Verantwortung auch gegenüber dem Einzeltier ausdrücke.

Im April 1999 erreichte Winhold Schumann das Pensionsalter. Er stand, zu unserer großen Freude und Arbeitserleichterung, uns weiterhin als fachlicher Leiter der Station zur Verfügung.

Im September 1999 wurde Peter Lienau als Geschäftsführer der Seehundstation Norddeich eingestellt. Peter Lienau ist Diplom-Forstwirt mit der Spezialisierung auf Wildbiologie. Gleichzeitig nahm Walter Schumann seine Tätigkeit als Verwaltungsangestellter auf.

Im April 2001 verstarb Winhold Schumann nach langem Kampf an einer heimtückischen Krankheit.

 

Das 30jährige Jubiläum der Seehundaufzucht- und Forschungsstation wird zu seinem Andenken gefeiert werden.

 

Im April 2003 wurde die Tierpflegerin Anne Jüngst  zur Unterstützung des Cheftierpflegers Fritz Rabenstein eingestellt. Sie wird maßgeblich für die Vogelpflegestation tätig sein.

 

Im Jahr 2005 konnten wir Tim Peter Fetting als Auszubildenden im Bereich Tierpflege für uns gewinnen.

 


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