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Seehundsterben

 

Die ersten toten Seehunde wurden am 12. April 1988 auf der dänischen Insel Anholt im Kattegatt gefunden. Knapp einen Monat später, am 1. Mai, begann hier das Seehundsterben. 10 Tage danach wurden 60 km südlich ebenfalls zahlreiche Tiere angeschwemmt. Nach Wochen erst mussten die ersten Funde an der dänischen und Schleswig- holsteinischen Nordseeküste gemeldet werden.

Ab Juni begann das Massensterben auch in Niedersachsen und den Niederlanden. Binnen 2 Monaten raffte es allein in der südlichen Nordsee 6000 Tiere dahin.

 

Die traurige Bilanz im Dezember 1988:

 

2/3 des Bestandes im Kattegatt und Skagerrak sind tot.

 

3/4 der dänischen, deutschen und niederländischen Nordsee- Seehunde sind tot  5820 davon wurden in Schleswig-Holstein, 1100 in Niedersachsen gefunden.

 

1/2 des Ostseebestandes sind tot.

 

1/4 der britischen Population ist tot.

 

Insgesamt fielen über 17.000 Seehunde der Seuche zu Opfer

 

Als Krankheitssymptome werden Husten, schleimiger bis blutiger Auswurf aus Maul und Nase, entzündete Lungen genannt Außerdem war die bei vielen Tieren vergrößerte Nebenniere, die auf starke Belastung des Organismus hinweist, auffällig. Offensichtlich verlief die Krankheit recht schnell. Bei den meisten Kadavern war die Fettschicht noch über 20 mm dick, außerdem wurden oftmals keine Antikörper gefunden - ein Hinweis, dass das Immunsystem noch keine Chance hatte, zu reagieren.

 

Auslöser der Epidemie war ein Virus. Da der bisher unbekannte Krankheitserreger dem Staupevirus sehr ähnlich war, nannte man ihn FDV - Phocid distemper virus - was soviel heißt wie Seehund-Staupe-Virus. Ungeklärt ist dagegen, woher das Virus kam und warum es so erfolgreich war. Es bestehen jedoch Theorien, die auf der Einschleppung durch Sattelrobben basieren.

 

Einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass das Seehundsterben eine natürliche Katastrophe sei. Solche Dezimierungen sind nicht nur natürlich sondern auch wichtig für die Gesunderhaltung einer Population. Schließlich werden so weniger gesunde Tiere ausselektiert und lediglich die kräftigsten und ausdauernsten Individuen geben ihre Gene und somit ihre guten Eigenschaften an die nachfolgende Generation weiter.

Allerdings ist es fraglich, ob eine solch katastrophale Epidemie den Seehunden geholfen hat

 

Eine Reihe von Experten macht jedoch den Zustand des Lebensraumes des Seehundes - des Wattenmeeres - für den immensen Erfolg der Seuche verantwortlich.

Das Immunsystem sei geschwächt und die Infektionsanfälligkeit so erheblich höher

gewesen (siehe ,,Gefährdung“, ,, Schadstoffbelastung“).

Ein Virus hätte unter normalen Umständen, ohne die Schadstoffbelastung, kaum eine Chance gehabt so viele Tiere dahinzuraffen.

 

Einige Fakten sprechen für diese Behauptung:

 

Die negative Wirkung von chlorierten Kohlenwasserstoffen und Schwermetallen auf das  Immunsystem gilt als bewiesen.

 

In den relativ schadstoffarmen Gebieten vor Großbritannien und Norwegen hatte die Seuche kaum Erfolg. In Großbritannien konnten bei der Hälfte der gesunden Hunde Antikörper nachgewiesen werden.

 

Massensterben sind vor der Seuche nicht als Bestandsregulatoren von Seehundpopulationen aufgetreten. Offensichtlich bedienen sich die Tiere anderer Instrumente. So wurden bei weiblichen Hunden vom Bestand abhängige Fortpflanzungsraten nachgewiesen (zwischen 20 und 27%, nach Heidemann 1987) Außerdem senkte sich nach der Seuche die Geschlechtsreife der Seehunde von 4-5 Jahren auf ca. 3 Jahre.

 

Die Epidemie trat zu einem Zeitpunkt auf, zu dem sich der Bestand von seinem Tief um   1970 (wahrscheinlich durch die intensive Bejagung entstanden) erholte. Eine Dezimierung wäre also nach ökologischen Gesichtspunkten nicht nötig gewesen, da die Aufnahmefähigkeit des Lebensraumes Wattenmeer noch nicht ausgeschöpft waren. Außerdem lag der Bestand mit unter 11.000 Tieren weit unter dem Bestand von bis zu 37000 Individuen der Jahrhundertwende. Zudem wurden seit Jahren keine Anzeichen wie Aggressivität, Teilung der Rudel oder schlechter Ernährungszustand, die Indikator für eine zu große Population sind, beobachtet.

 

Obwohl die Frage, ob der Zustand der Nordsee bzw. des Wattenmeeres am Erfolg des Virus Schuld trägt nicht geklärt ist lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Schadstoffbelastung und dem Ausmaß kaum noch abstreiten.

So formulierte Peter Agger in der Hannoverischen Allgemeinen Zeitung vom 28.12. 1988 treffend: ,,Eine Grippewelle schlägt im Slum auch härter zu als in Villenvierteln.“.

 


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